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20.01.2026 - Ungebändigte Spielfreude: 30 Jahre Theaterclub des EVS


Es muss allen Spaß machen – unter dieser Devise hat Billy Lord 1995 den Theaterclub des Einrichtungsverbundes Steinhöring gegründet. Seitdem ist die Gruppe von 23 Schauspieler:innen zu einer echten Theaterfamilie zusammengewachsen. Ein Interview mit dem passionierten Theaterregisseur Billy Lord.

Eine große Theaterfamilie: bunt und einzigartig. Foto: Walter Daschner
Seit 30 Jahren leiten Sie den Theaterclub des Einrichtungsverbundes Steinhöring – und das ehrenamtlich. Woher nehmen Sie die Motivation?
Billy Lord: Mein ganzes Leben besteht aus Ehrenamt. Ich bin ein geborener Pfadfinder und habe 1978 hier in Anzing selbst einen Pfadfinderstamm gegründet. 1994 habe ich mich bei einem Theaterprojekt der Offenen Behindertenarbeit in Ebersberg engagiert, weil meine Tochter Julia, die eine geistige Behinderung hat, dort mitgemacht hatte. Daraus ist 1995 der Theaterclub des Einrichtungsverbundes Steinhöring entstanden. Wir proben alle 14 Tage – und das ist für mich ganz selbstverständlich.

Gab es auch einmal Durststrecken?
Nein, denn ich kenne keine Gruppe von Menschen, die so dankbar ist, die so freudig auf einen zugeht und immer voll dabei ist.

Der Spaß steht beim Theaterclub des Einrichtungsverbundes Steinhöring im Vordergrund.
Foto: Walter Daschner
 
Sie sind nicht nur Theatergründer und Regisseur, sondern Sie schreiben auch noch jedes Stück selbst. Woher nehmen Sie die Ideen?
Wir haben tatsächlich noch nie Stücke anderer Autorinnen oder Autoren nachgespielt. Ich wache in der Früh auf und habe eine Idee. Ich muss dann mit irgendjemandem darüber reden und gemeinsam überlegen, wie das Ganze umgesetzt werden kann. Am Anfang war es so, dass ich selbst noch mitgespielt habe, damit die Geschichte überhaupt transportiert wurde. Mit der Zeit machten aber immer mehr selbstständigere Menschen mit einer Behinderung mit, sodass ich mich ganz zurückziehen konnte.

Wie versuchen Sie, alle Schauspieler:innen einzubinden?
Das entwickelt sich bei den Proben. Mittlerweile kenne ich alle so gut, dass ich die Rollen und Texte entsprechend anpasse. Alle Beteiligten wissen, dass Improvisieren erlaubt ist. Wenn sie von ihrem Text abweichen, ist das in Ordnung. Sie dürfen ihre eigenen Worte benutzen. Sie müssen nur am Ziel ankommen, damit die Szene weitergehen kann. Das führt dazu, dass man sich das Stück dreimal anschauen kann und es oft sehr unterschiedlich ist. Aber immer schön.

Inwiefern merken Sie bei den Schauspieler:innen eine Veränderung durch das Theaterspielen und die Gemeinschaft im Theaterclub?
Diese Theatergruppe ist für jeden und jede etwas Besonderes. Sie haben die Möglichkeit, aus dem täglichen Einerlei auszubrechen. Sie werden eingeladen, man bewundert sie, sie stehen auf der Bühne und bekommen Applaus. Das stärkt das Selbstbewusstsein.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Ich hatte ein Mädchen in der Gruppe, das ganz leise gesprochen hat und sehr schüchtern war. Wir haben ein kleines Theaterstück geprobt und sie sollte den aufgehenden Mond spielen. Ihre Aufgabe war es, sich hinzuknien, die Arme auszubreiten und „Ah“ zu sagen. Das war der Beginn einer Riesenkarriere. Über das Ah ist sie so weit gekommen, dass sie allein auf der Bühne gesungen und gesprochen hat. Das hätte vorher keiner geglaubt.

Sie erleben tagtäglich, welchen Herausforderungen Menschen mit einer Behinderung gegenüberstehen. Was bedeutet für Sie Inklusion?
Der Begriff ist da, aber er wird nicht gelebt. Ich bin hier in Anzing auch Behindertenbeauftragter. Als ich die Aufgabe übernommen habe, bin ich zunächst mit einer Rollstuhlfahrerin unterwegs gewesen, um zu schauen, wie es mit der Barrierefreiheit bestellt ist. Wir sind nicht einmal zum Arzt reingekommen. Jeder kennt den Begriff „Inklusion“, aber solange man nicht davon betroffen ist, wird er im Alltag nicht mitgedacht. Da ist immer noch einiges zu tun.

Interview: Nicole Stroth/KJF
Zur Person
William (Billy) Lord wurde 1949 als Sohn eines britischen Soldates der Rheinarmee in Wuppertal geboren. 1973 zog er mit seiner Frau nach Anzing, 1975 wurde ihre Tochter Julia geboren. Der gelernte Speditionskaufmann hat 44 Jahre lang bei der spanischen Fluggesellschaft Iberia gearbeitet und war stets ehrenamtlich aktiv. 2013 erhielt er für sein soziales Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Foto: Nicole Stroth/KJF

EVS Steinhöring